Klimacamp gegen Klimakapitalismus
Die Aktionen sind, vorerst, vorbei. Der Fokus der Bewegungen bewegt sich nach Strasbourg und die ‘Herrschenden’ der Welt klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, geben vor, sie hätten diese Tage in London die Welt gerettet. Einige sprechen gar vom neuen ‘London Consensus’ , der den berühmt-berüchtigten neoliberalen ‘Washington Consensus’ ablösen soll. Nachdem wir uns zwei Tage lang vor allem auf den Straßen herumgetrieben haben, ist mir ehrlich gesagt noch nicht klar, was eigentlich bei den offiziellen Gesprächen herausgekommen ist. Aber was bei uns, auf der Straße herausgekommen ist, das finde ich schon ziemlich spannend. Nachdem sich die Klimacamps in Europa und anderswo bisher vor allem direkt gegen große Emittenten von Treibhausgasen gerichtet haben (Kohlekraftwerke, Flughäfen, etc.), richtete sich das am 1.4. stattfindende Klimacamp zum ersten Mal gegen die Infrastuktur des klimapolitisch völlig unsinnigen, aber ökonomisch und politisch für die Herrschenden sehr interessanten, Emissionshandelssystems. Kurz gesagt: am 1.4. gegen Mittag besetzten wir massenhaft (wir waren zwischen 2000 und 3000 Menschen) die Straße vor der European Climate Exchange, der Börse, an dem das größte Volumen von Emissionsrechten gehandelt wird.
Viel zu schnell für die Polizei (die ja auch schon ziemlich mit unseren FreundInnen vor der Bank of England beschäftigt war) schafften wir es, ein funktionierendes Klimacamp – mit Vokü, Workshop-Programm, typischer englischer Partymusik (von Hippies mit Geigen bis zu Drum and Bass war vieles vertreten) – aufzuziehen, um klar zu machen: Emissionshandel löst das Klimaproblem nicht, sondern, im Gegenteil, legitimiert nur die Fortsetzung von Business as Usual. Wie kann die britische Regierung vorgeben, hehre Klimaschutzziele zu haben, und trotzdem den Ausbau des Flughafens Heathrow durchsetzen? Wie können diese Ziele mit dem Neubau massiver Kohlekraftwerke in Einklang gebracht werden? Ganz einfach, durch Emissionshandel und Kohlenstoff-’Offsets’. Die Aktion war ein Riesenerfolg und zeigt auch auf, dass wir, wenn wir mit dem Kampf gegen den Klimawandel und für eine ökologisch-soziale Wende ernst machen wollen, wir nicht nur direkt die großen Emittenten angehen, sondern darüber hinaus die ökonomischen und politischen Institutionen, die weiter business as usual betreiben wollen, angreifen müssen. D.h.: sowohl die fossilistischen Fossile (Kohlekraftwerke, etc.), als auch die Institutionen eines angeblich schönen neuen grünen Klimakapitalismus, der zwar die Umwelt nicht rettet, mit dem Versprechen, dies zu tun, aber viel Profit machen kann.
Natürlich war die Polizei von unserer Präsenz im londoner Finanzdistrikt nicht wirklich erfreut, und fing gegen Abend an, uns zuerst zu kesseln, dann langsam zurückzudrängen, und dann, als es dunkel wurde und die Kameras verschwanden, für englische Verhältnisse recht brutal das Camp zu attackieren (http://london.indymedia.org.uk/videos/993). Aber allzusehr kann ich mich über das Verhalten der Polizei nicht aufregen. Von denen erwarte ich nichts anderes. Außerdem gibt es wichtigeres: wir haben in London einiges erreicht. Der Staffelstab geht weiter nach Strasbourg. Davor hatten wir die Demos am 28.3. Die Bewegungen sind wieder in Bewegung. Wie wird’s weitergehen?…