Nach der WTO die WLO?
Auf den ansonsten bisher einigermassen unspektakulaer verlaufenden Zwischenverhandlungen der UNFCCC in Bonn gibt es zumindest in einem Bereich viel Bewegung: Dem “Landnutzungs” Sektor. Auf einem Side-Event wurde heute von einem Forschungsverbund namens ‘Terrestrial Carbon Group’ nicht weniger gefordert, als die volle Integration saemtlicher in Biomasse und Boeden gebundenen Kohlenstoffs in den globalen Kohlenstoffmarkt, unter weiser Leitung einer neu zu schaffenden ‘WeltLandnutzungsOrganisation” (WLO).
Waehrend diese Wortwahl aus aktivistischer Sicht einer kaum zu uebertreffende Steilvorlage gleichkommt, lassen die dahinterstehenden Tatsachen saemtliche Alarmglocken schrillen:
Hintergrund der Debatte ist die – nicht zu leugnende – Tatsache, dass sogenannte “Landnutzungsaenderungen” (vor allem das Abholzen/Abbrennen von Waeldern und die Umwandlung von Grasland und Moorboeden in Aecker) fuer etwa 25% des derzeitigen globalen Treibhausgasausstosses verantwortlich ist, ein Grossteil davon passiert in sogenannten Entwicklungslaendern.
Nun wird im Rahmen der UNFCCC schon lange ueber ein Instrument diskutiert, welches sich REDD nennt (reducing emissions from deforestation and degradation in developing countries), das Anreize setzen soll, v.a. die tropischen Regenwaelder zu erhalten – durch Zahlungen fuer den darin gebundenen Kohlenstoff. Sowohl der Mechanismus selbst als auch seine Einbindung in den Kohlenstoffmarkt ist eines der am heissesten debattierten Streitfelder innerhalb des UNFCCC Prozesses. Die “Klimakraten” befuerchten dabei hautpsaechlich die Flutung der Kohlenstoffmaerkte durch “billige” Kredite aus REDD Projekten, was dem (preisinduzierten) Anreiz zum Umbau der Energie- und Produktionssysteme zuwiderlaufen wuerde. Menschenrechtsgruppen, Indigena- und Bauernorgaisationen laufen aus anderen Gruenden Sturm gegen diesen Mechanismus: Die Umwidmung von Waeldern zu zertifizierten Kohlenstoffsenken, sowie die grossflaechige Anlage von Plantagen fuehren zur Verschaerfung der Konkurrenz um Boden, Landspekulation und Vertreibung und Entrechtung von Kleinbauern und waldbewohnenden indigenen Gruppen. Der Mechanismus treibt zwei sehr ungleiche Akteure in direkte Konkurrenz zueinander - die “laendlichen Armen”, und die finanzstarken offsetting-Interessenten, darunter auch grosse Naturschutzorganisationen, sowie Regierungen. Die - den aus dem erhoehten Flaechenbedarf fuer den Anbau von Agrofuels resultierenden Problemen sehr aehnlichen - Konflikte sind schon jetzt ueberall im globalen Sueden sichtbar – die weitere Verschaerfung dieser Situation durch eine Einbindung saemtlicher Landnutzungssektoren in den profitablen Kohlenstoffmarkt, wie in mehreren aktuellen Konzepten – u.a. UNCCD (UN Wuestenkonvention), African BioCarbon – vorgesehen, scheint vorprogrammiert.
Auch auf dem “Landday”, welcher am Samstag unter Fuehrung der UNCDD und mit Beteiligung der UNDP (Entwicklungsprogramm der UN) und der FAO (UNO Agrarorganisation), wurde diese Marschrichtung sehr deutlich: von einer vollstaendigen Einbindung des Agrarsektors in ein Post-Kyoto Abkommen erhoffen sich diese Organisationen – das steht so woertlich in ihren Publikationen – hauptsaechlich finanzielle Mittel, um die Potentiale der Landwirtschaft zur Emissionsminderung, aber eben auch zur Anpassung an die unvermeidlichen Klimawandelfolgen auszuschoepfen. Daneben werden weitere sogenannte Ko-Benefits aufgefuehrt wie Armutsbekaempfung, Erosionsminderung, Biodiversitaetsschutz, Verbesserung der Wasserhaltekapazitaet von Boeden sowie Partizipation von Kleinbauern an den Finanzstroemen des Klimaregimes. Insbesondere die Bodenaufwertung und Kohlenstoffsequestrierung durch sogenannte “Biochar” hat es der UNCCD angetan.
Neben der kompletten “Vermessung der Welt” , der Erstellung, Ueberwachung und kontinuierlichen Erneuerung eines kompletten Kohlenstoffinventars der Biosphaere, wuerde dies tatsaechlich in Gang setzen, was von vielen schon durch die Einfuehrung des Emissionshandles (m.E. faelschlich) kolportiert wurde – die totale Kommodifizierung der natuerlichen Umwelt.