Deutscher Stahl und deutsches Geld…

die traditionsreiche deutsche Stahl- und Waffenschmiede ThyssenKrupp baut in der Sepetiba Bucht im Grossraum Rio de Janeiro, Brasilien, ein riesiges integriertes Stahlwerk. Seit 2006 laufen die Bauarbeiten, mit den für solche Großprojekte leider sehr „üblichen“, katastrophalen sozialen und ökologischen Folgen: Zerstörung der Naturlandschaft und der Fischgründe, zunehmende Kriminalität und Prostitution, unhaltbare arbeitsrechtliche und medizinische Bedingungen auf der Baustelle, Morddrohungen und Terror gegen diejenigen, die sich wehren, und ein Konzern, der von nichts weiss und alle Verantwortung auf die brasilianischen Behörden abschiebt.

Nebenher wird das Werk nach Fertigstellung den Treibhausgasausstoss der Millionenstadt Rio auf einen Schlag um 76% erhöhen. Insgesamt werden für die Produktion von jährlich 5,5 Millionen Tonnen Stahlbrammen (für den Export nach Deutschland und in die USA) etwa 4 Millionen Tonnen Steinkohle verbrannt, importiert aus Kolumbien, das für die menschenrechtlichen und ökologischen Missstände in seinen Minen weltweit berüchtigt ist. Da das Stahlwerk besonders energieeffizient arbeitet, erhält das Projekt laut Bericht des Dachverbandes kritischer Aktionäre Emissionsgutschriften aus dem Kyoto-Mechanismus für „saubere Entwicklung“ (CDM).

8000 Fischerfamilien haben ihre Existenzgrundlage verloren, seit das deutsch-brasilianische Konsortium CSA angefangen hat, in dem Naturschutzgebiet! die Mangrovenwälder zu zerstören, die Landschaft zu planieren und die Flussufer aufzubaggern. Das Projekt ist nicht nur in Hinsicht auf seine Klimawirksamkeit Superlative: grösste deutsche Direktinvestition im Brasilien (4,7 Milliarden Euro), grösstes Stahlwerk Südamerikas, 20.000 Arbeiter auf der Baustelle. Am Donnerstag hat ein der Vertreter der Fischer familien, Luis Carlos da Silva, auf der Aktionärsversammlung von ThyssenKrupp gesprochen – und sich demonstrativ geweigert, dem Vorsitzenden die Hand zu geben. Der Konzern verweist auf die brasilianischen Behörden, wenn es um Verantwortung für die Umweltzerstörung geht, und auf Subunternehmen bezüglich der Arbeitsbedingungen. Das ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn sämtliche brasilianischen Verwaltungsebenen der Firma grünes Licht geben, ein Stahlwerk in ein Naturschutzgebiet zu bauen, und die nach brasilianischem Gesetz erstellte Studie über soziale und ökologische Auswirkungen unbeachtet in der Schublade verschwindet. Der brasilianische Plan für beschleunigtes Wachstum überzieht das Land mit Grossbaustellen für Rohstoffgewinnung und Infrastruktur. So befürchten NGOs aus Rio, dass das Stahlwerk erst der Anfang des Umbaus der kompletten Bucht in eine Art Sonderwirtschaftszone darstellt. Das Projekt zeigt auch in besonderem Masse den Irrsinn der derzeitigen Klimapolitik auf: ein neues Stahlwerk bekommt Gutschriften für vermiedene Emissionen nach der Rechnung: Stahlwerk wäre sowieso gebaut worden, weil Wirtschaftswachstum notwendig, unausweichlich und gewollt, das hätte – ohne die deutsche energieeffiziente Technik – noch viel mehr Treibhausgasausstoss zur Folge gehabt, welcher jetzt, Thyssen sei Dank!- aufs ökonomisch vertretbare Minimum reduziert ist. Dafür gibt’s zur Belohnung Emissionszertifikate, sprich die Erlaubnis, „zuhause“ noch mehr Emissionen in den Himmel zu pusten.

Eine solche „nachhaltige“ Entwicklung ist aber nicht nur klimapolitisch fatal. Sie geht über die Bedürfnisse der Menschen vor Ort hinweg, und im Zweifelsfall auch über Leichen. Mehrfach wurden in letzter Zeit Boote der protestierenden Fischer von Booten der „Firma“ gerammt, mindestens einmal mit tödlichen Folgen. Luis Carlos ist vor etwa einem Jahr aus seinem Heimatort geflohen, nachdem er von stadtbekannten Milizen eine klare Todesdrohung bekommen hatte.

Diesmal kann ThyssenKrupp die Verantwortung nicht auf die Brasilianer abwälzen: der berüchtigte Milizionär arbeitet seit 2005 für den Werksschutz, und ist seit Dezember 2008 als dessen Chef direkt bei der Firma angestellt.


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