Unsere Energie ist nicht Eure Kohle!
Was macht eigentlich die Anti-Kohle-Bewegung?
Mit Castor?Schottern! konnte im November 2010 eine beachtliche Anzahl von Personen mobilisiert werden, die bereit waren, physisch gegen Atomkraft vorzugehen. Der Widerstand richtete sich nicht nur gegen eine unberechenbare Risikotechnologie. Er verkörperte und symbolisierte die massive Ablehnung kapitalistischer Wirtschaftsweise und eine Abrechnung mit staatlicher Politik. Die selbe kapitalistische Denkweise bestimmt auch das staatliche und unternehmerische Handeln im Bereich der Energieerzeugung aus Kohle. Kohlekraftwerke sind – wie AKWs – Großtechnologien, die nur zentralisiert gesteuert und genutzt werden können. Millionenschwere Kohlekraftwerke und AKWs gehören den selben vier Energieriesen.
Verheerende Folgen für Millionengewinne
Die negativen Folgen der Nutzung von Kohle als Energieträger sind immens. Insbesondere Braunkohle, aus der fast 1/4 des deutschen Stroms gewonnen wird, verursacht große ökologische und soziale Schäden. Die Braunkohletagebaue verwüsten ganze Landstriche, und zerstören gewachsene soziale Strukturen von Dörfern und Gemeinden wenn diese den Riesenbaggern weichen müssen. Die Verbrennung von Braunkohle ist die CO2 intensivste Form der Energiegewinnung. Welche Folgen der Klimawandel mit sich bringen wird können wir bisher nur erahnen. . Was wir heute schon sehen: massive Verluste der Biodiversität, Wetterextreme und Klimaflüchtlinge.Die sozialen Spannungen in den Großstädten des Globalen Südens nehmen zu, auch weil „Stadtflüchtlinge“ aus nicht mehr bewirtschaftbaren, ländlichen Gebieten dorthin ziehen. Und wer sich vor steigenden Meeresspiegeln auf die Reise Richtung Norden macht trifft auf die Zäune der Festung Europa. Die Klimakrise hat die ärmsten Regionen dieser Welt längst erreicht.
Von der Anti-Atom-Bewegung lernen
Die Proteste gegen den Castor-Transport im Jahr 2010 erinnerten an die Kämpfe gegen Atomkraft in den frühen 1970er Jahren. Eben diese Kämpfe sind ein starkes Narrativ des linken Flügels der Anti-AKW-Bewegung. Die Anti-Kohle-Bewegung hat eine solche Geschichte des Widerstands nicht,- weder im Mainstream noch in der Linken. Kohle ist ein sozialer Mythos; es ist das Gruben-Gold, das von den Kumpels hochgeholt wurde. Kohle-Öfen gelten bis heute als schicke Accessoires in Altbau-Wohnungen. Politisch steht Kohle hoch im Kurs, auch bei den Gewerkschaften. Und mit der Idee, CO2 aus den Abgasen der Kohlekraftwerke abzuscheiden und unter die Erde zu pressen, kurz CCS (Carbon Capture and Storage), soll Kohlestrom jetzt sogar “klimaschützend” werden. Dabei wissen wir längst: Die “Endlagerung” von gefährlichen Abfällen der Stromproduktion ist keine Lösung.
Bisher ist der Anti-Kohle-Protest in Deutschland stark zergliedert und regional begrenzt. Er wird hauptsächlich von Bürgerinitiativen in von Abbaggerung betroffenen Gebieten und von Umweltorganisationen getragen. Daneben gab und gibt es antikapitalistische Gruppen, die in den letzten Jahren Kohle und Klimakrise in internationalistischer Perspektive problematisiert und thematisiert haben. Die versuchte Kraftwerksbesetzung in Hamburg-Moorburg 2008 etwa oder die Proteste anlässlich des Klimagipfels COP15 in Kopenhagen 2009. Mit den Klimacamps diesen Sommer in der Lausitz und in NRW ist es nun gelungen, einen ersten Brückenschlag zwischen antikapitalistischen Gruppen und regionalen BIs herzustellen. Nicht immer konfliktfrei. Aber auch da kann gelernt werden von der Anti-Atom-Bewegung auf dem Weg zu einer starken linken Bewegung gegen Braunkohle, CCS und Klimawandel.
Der Kampf gegen Kohle muss ein antikapitalistischer Energiekampf werden
Eine linke Anti-Kohle-Bewegung muss Auseinandersetzungen um die Produktion, Verteilung und Konsumption von Energie führen.
- Die Konzerne müssen enteignet werden. An ihre Stelle müssen demokratisch kontrollierbare Stadtwerke treten. In Hamburg und Berlin arbeiten Initiativen an der Rekommunalisierung der Energieversorgung. Diese Initiativen können durch radikale und aktionsorientierte Sub-Kampagnen aus dem linken Spektrum flankiert werden.
- Der eigene Energiekonsum muss auf den Prüfstand. Dabei kann die Lösung nicht allein darin bestehen, den aktuellen Konsum durch ökologischeren zu ersetzen. Der gesamte Konsum muss radikal verringert werden um damit dem Kapitalismus die Lebensgrundlage zu entziehen. Ein anderer Blick auf die Dinge, die wir aufgeben müssen, kann dabei helfen. Den Verzicht auf eine mit Autos verstopften Straße wird sicher niemand beklagen.
- Die materielle Basis der Kohle-Industrie muss angegriffen werden. Kohlekraftwerke bieten einige Angriffspunkte für direkte, massenhafte Aktionen mit denen die Produktion lahm gelegt werden. Wieso nicht mal mit tausenden von Aktivist*innen eine Kohlebahn schottern? Einen Anfang machten die Blockaden der Kampagne „Wer anderen eine Grube gräbt“ im Oktober 2010 und des Klimacamps NRW im August 2011.
Die Anti-Kohle-Bewegung braucht Aktionen und Symbole, die sie zusammenführt. Wir müssen Kohle zu Geschichte machen.
gegenstromberlin
(zur Veröffentlichung in ak-extra zum Castortransport 2011)